Alltag im Flüchtlingslager Moria. © User "Faktengebunden", WIkimedia Commons

Moria – Deutschland und die Flüchtlinge

Der Brand im Flüchtlingslager Moria sorgt Europaweit für Ensetzen. Das größte Lager Europas wurde dabei fast vollständig zerstört. Einst für wenige tausend Bewohner konzipiert, wurden dort Flüchtlinge in der Größenordnung von bis zu 20.000 Menschen beherbergt. Die resultierende Krise provoziert die Frage, wie es um den solidarischen Charakter der EU bestellt ist.

Etwa 13.000 Flüchtlinge sitzen nun auf der Straße; ihre SItuation wandelte sich von sehr schlecht, zu katastrophal. Die Unterbringung in Moria zeichnete sich nie durch besondere Beachtung der Menschenwürde aus: “Die Schande Europas” wurde das Lager schon vor dem Feuer genannt. Seiner Rolle als Durchgangsstation wurde Moria noch nie gerecht: Zahlreiche Flüchtlinge verweilten seit Jahren im Lager, obwohl der Aufenthalt eigentlich der Identititätsfeststellung mit einer Dauer von etwa 72 Stunden dienen sollte.

Es mangelt an Platz, Hygiene, Essen, medizinischer Versorgung. Neben dem „offiziellen“ Camp unter der Leitung der griechischen Regierung, umzäunt von Stacheldraht, bewacht von Militär und Polizei, hat sich auf dem angrenzenden Olivenhain ein „wildes“ Camp gebildet. Dieser unter den Flüchtlingen als „Dschungel“ bekannte Teil ist menschenunwürdig und vor allem nicht für den Winter gemacht. Im letzten Jahr sind hier Menschen erfroren. Das dies auch in diesem Jahr wieder passieren wird, ist sehr wahrscheinlich.

Janina Salden, Kommunal

Natürlich verschlechterte sich die Lage mit der Coronakrise noch gewaltig. Im Gesamtkontext der Flüchtlingssituation in Europa, ist es schwierig, den Verantwortlichen hier kein Kalkül zu unterstellen – die dramatischen Zustände wären leicht zu beheben gewesen, es gab zahlreiche Vorschläge für die Anpassung der Camps. Stattdessen wurden die Zustände billigend in Kauf genommen, um Moria für die Abschreckung weiterer Flüchtlinge zu instrumentalisieren. Diesem Tenor folgend ist auch Europas Reaktion auf das Feuer. Seehofer betont die Hilfe vor Ort, und Deutschland wird seiner sogenannten Europäischen Vorreiterrolle gerecht, indem es “100 bis 150 unbegleitete Kinder” aufnimmt; insgesamt sollen etwa 400 Kinder auf EU-Staaten verteilt werden.

Das ist keineswegs übertrieben. Mit Zahlen wie diesen sind Deutschland und Frankreich Vorreiter in der EU. Hier ist es wichtig, die Flüchtlingskrise als das zu kontextualisieren, was sie ist, nämlich eine Zerreißprobe für den solidarischen und kollaborativen Gedanken Europas. Die beiden Hauptprofiteure eines starken Europas, Deutschland und Frankreich, zeigen nun endlich, dass mit ihrer Rolle auch eine unabänderliche Verantwortung einhergeht. Wenigstens bringt das THW Feldbetten nach Lesbos.

Die Leitfrage dieses Artikels – Warum nehmen wir so viele Flüchtlinge auf? – wäre damit zu beantworten gewesen, dass Deutschland die Verantwortung trägt, auch die Kosten (und nicht nur die Vorzüge) seiner Kernrolle in der EU zu tragen. Das muss Deutschland nicht ganz alleine schaffen, aber es muss geschafft werden. Leider erübrigt sich das, denn die Antwort ist – Tun wir nicht. Angebote deutscher Städte an die Bundesregierung, Flüchtlinge aufzunehmen, lehnt Seehofer ab, genervt von den Insinuationen seiner Europäischen Kollegen, Flüchtlinge seien zu einem großen Teil deutsche Verantwortung.

Derweil regt man sich gesammelt über Taz-Kolumnistin Bettina Gaus auf:

Falls es von Geflüchteten angesteckt wurde, könnte ich das verstehen – wenn eine Seuche durch ein völlig überfülltes Lager mit vierfacher Belegung wie ursprünglich vorgesehen tobt und die Leute einfach Angst haben.

Was bildet sich die Frau eigentlich ein, Verständnis für die menschenunwürdige Situation in Moria zu zeigen? Es ist nicht so als wären Berichte über die Zustände politisch gefärbt, es sei denn man versteht Hilfsorganisationen als linksgrüne Instrumente. In Zeiten in denen die Deutschen wieder einen Geschmack dafür entwickeln, den Reichstag zu stürmen, sollte man mit der Relativierung menschenundwürdiger Lagerzustände vielleicht vorsichtig sein.

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